Kassandra ist eine durchaus moderne Figur: Heute würde sie vor Öko-, Finanz- und anderen Katastrophen warnen. Sie würde nicht mehr umgebracht, sondern mit einem allgegenwärtigen «Man kann ja eh nichts machen» mundtot gemacht.
«Und doch muss man etwas machen, wenn man nicht sehenden Auges in die Katastrophe schlittern will», meint der junge Autor Kevin Rittberger.
Er er zählt die Geschichte von Blessing aus Nigeria und Boubacar vom Senegal, die nach Europa emigrieren wollen. Auf der Flucht durch die Wüste lernen sie sich kennen. Trotz zahlreicher Rückschläge bleiben sie über Jahre zusammen, bekommen zwei Kinder und ergattern endlich vier Plätze auf einem Boot. Doch nur Boubacar überlebt die Überfahrt.
Soweit der erste Teil des Abends mit dem brechtschen Titel «Das Lehrstück von Blessings Tod». Der zweite Teil, «Flüchtlingstheater», wechselt die Perspektive, indem er die Frage aufwirft: Was geschieht, wenn Medienschaffende vom afrikanischen Elend berichten? Schrecken sie Migranten ab und machen dadurch die Festung Europa noch dichter, oder schärfen sie das Bewusstsein von der herrschenden Ungerechtigkeit?
Kevin Rittberger: «Wir gehen sehend und wissend in unseren Untergang – die Festung Europa ist nicht auf ewig zu halten. Kassandra würde bestimmt nicht wollen, dass wir weiter orakeln, ohne etwas zu tun.»
Kevin Rittberger, 1977 in Stuttgart geboren, arbeitet seit 2004 als Autor, Dramaturg und Regisseur u.a. am Staatstheater Stuttgart, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Schauspielhaus Wien. Er gehört zu den engagiertesten und talentiertesten jungen Theatermachern im deutschsprachigen Raum. Felicitas Brucker, geboren 1974, inszeniert in Freiburg, Hannover, am Gorki Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg und ist seit 2009 Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien.

